72. Etappe

Von Zadar auf die Insel Pašman

 

„Tanz der Walküren“ – so würde ich den gestrigen Abend im Hostel „Backpacker“ am Stadtrand von Zadar beschreiben.

Wir haben es uns mal wieder gegönnt, das wilde, abenteuerlich urbane Hostelleben. Waren Zaungäste und durften recht wunderliche Blüten der Zivilisation bestaunen.

Da ist „Miss Military“. Schon seit 14:00 Uhr chillt sie auf den super hippen Palettenmöbeln der Gemeinschaftsterrasse, Kopfhörer in den Ohren. Nuckelt an einer Zwei-Liter-Cola-Flasche, raucht eine Kippe nach der anderen und glotzt wie gebannt auf ihr Smartphone. Bestimmt die neueste Netflixserie.

Dann „Miss Scottland“. Eine in die Jahre gekommene herbe Schönheit. Abgehalftert könnte man auch sagen. Auch sie chillt auf den super hippen Palettenmöbeln und glotzt wie gebannt auf ihr Smartphone. Die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Ihr Getränk ist der gute Rotwein.

„Miss Poland“ wird erst später die Szenerie betreten. Vorweg genommen sei, dass sie vor ihrem Mann abgehauen ist, unter akutem Liebeskummer leidet und deswegen schon heute morgen um zehn mit Miss Military den ersten Cocktail geschlürft hat. „ Sex on the Beach“ heißt der Zaubertrank. Danach ist sie zum Strand gegangen und Miss Military, die früher bei der Armee war und sehr stolz ist auf die Kameradschaft und die Disziplin, welche sie dort erlebt hat, geht ins Homeoffice. Workation heißt dieser neueste Schrei.

Urlaub (vacation) und Arbeit (work) werden hier effizient verbunden. Merken die Leute eigentlich, dass sie so nur noch mehr ausgebeutet werden?

Dann ist da noch „Miss Norway“. Was sie eigentlich in Zadar will, habe ich nicht herausbekommen. Nur, dass sie morgen von der Brücke springen will. Die Maslenica-Brücke in der Nähe von Zadar hat sie sich ausgesucht. Nirgends in Europa kann man tiefer fallen. 50 Meter geht es hinab an einem Bungeeseil. Die Touristenattraktion in Kroatien.

Während tagsüber jeder mit sich selbst beschäftigt ist, beginnen am Abend unter Lichterketten die großen Verbrüderungsaktionen. Auf einmal hocken alle zusammen und wir mittendrin. Miss Poland kommt von ihren Streifzügen zurück. Lässt sich auf das Sofa fallen. Zum Glück hat sie den Rest ihres „Sex on the Beach“-Getränks von heute morgen in das Gemeinschaftsfach des Kühlschrankes gelegt. Nun ist es weg. Sie ist sauer. Ich persönlich finde es besser für sie. Sie kann ja kaum noch gerade aus gehen. (Der Korrekturleser bemerkt: Ich persönlich habe das Zeug weggeschlappert – es war zu verlockend! Aber: Psschhtt, nicht weitersagen).

Ein unglaubliches Getöse umgibt uns. Die vier Walküren, ihre Statur lässt keinen anderen Vergleich zu, sitzen mit strammen weißen Beinen auf den schmuddeligen Polstern und tauschen, illustriert von überlautem Gelächter, Belanglosigkeiten aus. Angst vor Spinnen, die Tristesse der Vorstädte von Zadar, die Vor- und Nachteile der Billigfluglinie Ryanair. Die ganze Farce nimmt an Fahrt auf, als ein junger Amerikaner die Terrasse betritt. Durchtrainiert, braungebrannt, Dreitagebart. Mit nichts als einer hellen kurzen Hose bekleidet. Die Walküren beginnen zu tanzen. Das Gelächter verstärkt sich um ein paar Dezibell, es wird mit Fernreisen, Weltgewandheit und globaler Lässigkeit geprotzt. Wir sitzen betreten daneben und beschauen mit Befremden die Szenerie. Man spricht Englisch. Alles ist „very international“. Etwas wehmütig denken wir zurück an den Bunten Abend im Hostel Paradiso in Tolmin. Mit Lars und der ganzen Ossitruppe. Wie anders das doch war. Wie vertrauter.

Heute morgen, ganz früh haben wir uns aus dem Staub gemacht. Aus dem stickigen, muffigen Gemeinschaftsschlafraum. 16 Menschen, darunter mindestens fünf Hardcoreschnarcher (Der Korrekturleser war diesmal nicht in der Spitzengruppe.) teilten sich die wenigen Quadratmeter mit nur einem einzigen kleinen Fenster, das irgendein Honk in der Nacht auch noch zugemacht hat.

Naja, billig war's und dümmer sind wir ganz sicher auch nicht. Aber mal ganz ehrlich. Die wahrscheinlich einzigen Backpacker (also Rucksacktouristen) sind wir. Alle anderen sind mit dem Rollköfferchen vom Zadar Airport hier angekommen. Für 30 Euro mit Ryanair auf Wochenendtrip. Ohne Kommentar.

Das alles liegt nun schon wieder Welten hinter uns. Wir sind mit der Fähre auf die Insel Ugljan gefahren. Das Schiff ist ein öffentliches Verkehrsmittel. Vorwiegend ältere Menschen fahren damit am Sonnabendvormittag in die Stadt und wieder zurück. Dort ist Markt. Sie kehren heim mit kleinen Wägelchen und Beuteln voll Gemüse. Mit dem Schiff zum Einkaufen – das gefällt mir.

Nach den Mühen der Ebene vor Zadar – wir wollen die Aktion von gestern mal nicht kleinreden, da ist Blut geflossen. Von Dornen aufgekratzte Beine und so ist unser heutiger Weg ein Fall für das Reisejournal. Wahlweise auf alten Wegen durch die Berge mit atemberaubenden Blicken auf die Insellandschaft oder direkt an der Wasserkante entlang. Haben wir jemanden getroffen unterwegs? Kaum. Sind wir in touristische Massenansammlungen geraten, die in uns den Fluchtinstinkt auslösen? Nein. Ging es uns rundherum gut? Ja!!!

„Hähni, heute war ein guter, guter Tag“, schnurre ich. „Lass uns ins Zelt kriechen. Wir haben es doch richtig herum aufgebaut... haben wir?“