... der Mensch ist gut!

„Hähni, los wir gehen Kaffeetrinken“, rufe ich fröhlich kurz vor acht. Schwinge die Beine aus dem Bett, werfe das grüne Kleidchen über, schlüpfe in die Badelatschen und bin bereit. Zähneputzen, Haare kämmen... kann alles warten. Heute haben wir einen freien Tag. Die müffeligen Wanderschuhe liegen kreuz und quer in der Ecke. Auch sie dürfen ausruhen.

Es ist schön hier, so früh am Morgen, in diesem ehrlichen Städtchen im geographischen Zentrum von Istrien. Der Kaffee ist köstlich und spottbillig. Die vielen kleinen Bars sind gut gefüllt mit Menschen, die hier nicht nur auf Stippvisite sind, sondern tatsächlich hier leben. Sie plaudern, sie lesen die Tageszeitung. Eile scheint ein Fremdwort zu sein.

Eine Frau spaziert an uns vorbei, in der Hand eine Plastetüte mit kleinen Fischen. Etwas später ein weiterer Passant, in seiner Tüte grüner Spargel. „Hähni, irgendwo ist hier Markt. Da müssen wir hin.“

Hand in Hand streunen wir, immer noch ungeduscht, durch die kleinen Gassen. Gucken in jeden Hinterhof, studieren den Stadtplan, fragen herum.

Wir entdecken schließlich die „Markthalle“ von Pazin. Die Hälfte vom Schweriner Netto würde ich sagen. Ein Fischstand (da liegen sie, die kleinen silbernen Dinger, welche mich auf die Spur gebracht haben), ein Fleischstand, ein Käsestand, ein Gemüsestand und das war´s. Wir kaufen ein. Ein Kilo Kartoffeln, sechs Eier ohne Stempel, einen Salatkopf und Erdbeeren. Schon auf dem Weg nach draußen landet die erste Beere in meinem Mund. Dunkelrot, klein, süß und unglaublich köstlich.

Wir gönnen uns noch einen Kaffee und dann gehen wir heim. Wäsche waschen, Bürokram erledigen, Mahnlauf im Antiquariat, im Fliegerverein sind Dinge liegen geblieben. Die Stunden gehen dahin.

Eine Überraschung hält der Tag noch für uns bereit. Der Besuch im ethnologischen Museum in der Burg. Wir wollen uns über das Leben in Istrien informieren. Wir haben nicht die geringsten Erwartungen… was ja so nicht stimmt. Wir erwarten den üblichen Bauernschrott (Pflüge, Eggen, Drillmaschinen, Sensen), zusammengepfercht in einem muffigen Gewölbe, verstaubte Trachten und verrostete Flinten. Ein Spinnrad in der Ecke und etwas Keramik aus dem vorletzten Jahrhundert.

Der Eintritt kostet 4,68 Euro für zwei Personen. Diese absurden Preise begegnen uns hier überall. Erst im Januar dieses Jahres ist in Kroatien der Euro eingeführt worden. Die an sich runden Preise in Kuna von gestern werden nun mit einem Wechselkurs berechnet, der mehrere Stellen nach dem Komma aufweist. Ich versuche mich zu erinnern, wie das bei uns war, in Deutschland, kurz nach der Jahrtausendwende.

Wie lange konnte man tatsächlich noch mit Mark bezahlen? Wie lange haben wir im Kopf noch umgerechnet? Alles durch zwei, wenn ich mich richtig erinnere. Ich habe es vergessen.

Die Ausstellung ist eine der schönsten, die ich je gesehen habe. Die Präsentation von Informationen im Museum ist eine Kunst für sich und hier ist sie auf das Beste gelungen. Da gönnt man sich in diesem Nest so eine Ausstellung. Und kaum einer kommt hin. Zu wieviel Kultur „Mensch“ doch fähig ist. Kunst ist zweckfrei – diese These finde ich hier bestätigt.

Istrien – Land des Weines. Alles ist hier grün und wir betreten ein angedeutetes Weinfass. Istrien – das Land am Meer. Blau umströmt uns. Wir nehmen Platz in einem Fischerboot. Istrien und die Landwirtschaft, Istrien und das alte Handwerk. Wir betasten die Fäden auf einem Webstuhl, schreiten durch eine alte Schmiede und bewundern die kunstvollen Arbeiten von Töpfern und Holzhandwerkern. Istrien und die Kinder. Wir betreten eine Schule. alte Fotos, Kinderlärm aus Lautsprechern, alte Fibeln liegen aufgeschlagen auf den Schulbänken. Istrien und der Bergbau und am Ende der Tourismus. Was für eine Reise.

Industriestandorte gab es nie. Keine verzweifelte, ausgebeutete Arbeiterschaft. Nach Großgrundbesitz und allem, was an Teufeleien dazu gehört, fahnden wir vergeblich.

Man hat im Klein-Klein gewirtschaftet, hier in der grünen, sonnenverwöhnten Hügellandschaft. Ich bin sicher nicht die erste und garantiert auch nicht die einzige, die in dieser Lebensform ein Ideal sieht. Weitestgehende Selbstversorgung im kleinsten Kreis.

„Träum weiter, Du Spinnerin, als ob früher alles besser gewesen wäre“, lästert meine innere Stimme der Vernunft, als wir das Museum verlassen.

„Ich träume weiter, darauf kannst Du einen lassen“, antworte ich trotzig, während wir im einsetzenden Platzregen unter dem Vordach eines Hauses Schutz suchen. Die Tür in unserem Rücken öffnet sich und eine freundliche Frau, offensichtlich die Bewohnerin, bittet uns herein. Als wir dankend ablehnen, holt sie uns einen Stuhl, damit wir uns wenigstens setzen können. Als wir im Nieselregen zum Aufbruch schreiten, bietet sie uns sogar noch einen Schirm an. Der Mensch ist gut. Auch diese versponnene These sehe ich an diesem verregneten Nachmittag vollauf bestätigt. Das macht mir Mut.

 

 

Kleine Robertsche Abschweifung 11

Neben der täglichen Navigation übernimmt Martina in Großstädten wie Triest auch das Finden von Busfahrplänen oder die Suche nach dem nächsten Konsum. Sie macht das sehr gut und ist zurecht ein wenig stolz darauf und freut sich über anerkennende Worte.

„Sag mal Robert, wie war das gestern Abend mit dem Bus, was ist da eigentlich genau passiert?“

Ich fasse kurz zusammen und rekapituliere: „Wir kamen abends aus der Kneipe und Du hast uns sicher zur innerstädtischen Bushaltestelle navigiert. Wir fanden den Bus mit der richtigen Nummer, wussten aber nicht die Richtung. Es gab nämlich zwei. Während Du im Händie rumgesucht hast, habe ich eine älteren Herrn gefragt, der uns den entscheidenden Hinweis gegeben hat. Wir sprinteten hin, rein in das Vehikel und ab ging´s. Wir kannten die Zielhaltestelle, diese wurde aber einfach nicht angezeigt. Ich schaute auf meinen Plastikkinderkompass und meinte, alles in Ordnung, die Richtung stimmt. Nach einigen Minuten zerrtest Du mich aus dem Bus. Nur eine Haltestelle nach der richtigen. Und führtest uns sicher zu unserer Herberge. Gut gemacht.“

Martina schaut etwas betreten. Nach einer halben Stunde sagt sie: „Robert, wie war das gestern Abend mit dem Bus? Erzähl mal genauer!“ Und schaut mich lauernd an.

Ich weiß, was ich zu tun habe und hole tief Luft: „Wir kamen abends aus der Kneipe und während ich auf dem Ministadtplan in der Dunkelheit nichts erkennen konnte, führtest Du uns mit schlafwandlerischer Sicherheit zur Bushaltestelle. Die Abfahrtszeit und die Zielhaltestelle kanntest Du natürlich. Wir rein in den Bus und ab ging es. Wir wurden unruhig, weil die Zielhaltestelle nicht angezeigt wurde. Mit Blick auf den Kinderkompass meinte ich, alles wäre in Ordnung, die Richtung stimmt. Also Nerven behalten. Plötzlich riefst Du – Raus aus dem Bus! - und zerrtest mich hinter dir her. Genialerweise hattest Du erkannt, das der Bus nicht über die Via Paparazzi fährt, sondern über die Via Mafiosi. Ich hätte das nie gemerkt und hätte sicher ein paar Ehrenrunden durch Triest gedreht. Von einer Endhaltestelle zur nächsten. Aber Du hattest den richtigen Riecher! Und wie Du uns dann von der Via Mafiosi, die wir doch gar nicht kannten, vorbei am Vorstadtmob zu unserer Herberge navigiert hast – einfach toll. Ohne Dich und nur mit dem Kompass hätte ich das nie geschafft! Ich wäre aufgeschmissen gewesen.“

Martina strahlt und sagt mit etwas pathetischer Stimme: „Ja, genau so, so war es.“ und dann nach einer Weile: „Aber kannst Du das nochmal wiederholen. Vielleicht noch etwas genauer?“

Ende der Abschweifung